6. Mai 2026
Warum mein Kind nachts nicht abschalten kann – und was wirklich hilft
Es ist 20 Uhr. Ihr Kind liegt im Bett – aber schlafen? Fehlanzeige. Es dreht sich, redet, fragt nach Wasser, hat Hunger, muss noch mal auf die Toilette. Oder es liegt einfach still da, mit großen Augen, und der Kopf läuft auf Hochtouren.
Viele Eltern denken dann: Mein Kind will nicht schlafen. Dabei ist es oft anders – es kann nicht. Und das ist ein wichtiger Unterschied.
Das Nervensystem kennt keinen Ausschalter
Kinder erleben ihren Tag mit einer Intensität, die wir Erwachsenen uns kaum noch vorstellen können. Jedes Geräusch, jede soziale Situation, jeder Konflikt auf dem Pausenhof, jede neue Aufgabe – das alles wird vom Nervensystem aufgenommen, verarbeitet, gespeichert.
Was dabei passiert: Der Sympathikus – das ist der Teil des Nervensystems, der uns wach, aktiv und reaktionsbereit hält – läuft tagsüber auf Hochtouren. Und er braucht Zeit und Signale, um sich wieder zu beruhigen. Diese Zeit fehlt oft.
Nachmittags: Hobbys, Hausaufgaben, Bildschirmzeit. Abends: Abendessen, Zähneputzen, Bett. Keine Möglichkeit das Nervensystem zu beruhigen.
Was dann passiert, wenn das Kind im Bett liegt, ist keine Provokation und kein schlechter Wille. Es ist ein Nervensystem, das noch nicht entspannt ist.
Was Kinder nachts wirklich brauchen
Kinder brauchen keine perfekte Schlafroutine aus zehn Schritten. Sie brauchen ein verlässliches Signal – immer wieder, am selben Punkt des Abends. Etwas, das dem Körper sagt: Jetzt ist es vorbei. Jetzt darf ich loslassen.
Dieses Signal kann ganz einfach sein:
- Ein kurzes Gespräch: Was war heute gut? Was hat dich geärgert? Was war besonders schön?
- Eine Geschichte – am besten eine, die bewusst ruhig und langsam erzählt wird.
- Eine einfache Atemübung: dreimal tief einatmen, beim Ausatmen vorstellen, wie der Tag aus dem Körper herausfliesst.
- Ein festes Ritual – z. B. dasselbe Lied, dasselbe Kuscheltier, dieselbe Reihenfolge.
Nicht die Dauer zählt, sondern die Verlässlichkeit. Fünf Minuten, die jeden Abend gleich aussehen, wirken mehr als eine halbstündige Abendroutine, die je nach Stimmung variiert.
Was ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe
Wenn ich mit Kindern und Familien arbeite, ist der Abend oft das erste, worüber wir reden. Nicht weil der Abend das größte Problem ist – sondern weil der Übergang zwischen Tag und Nacht so ein ehrlicher Spiegel ist. Er zeigt, wie viel das Kind erlebt hat und wie oft es tagsüber kooperiert.
Resilienz beginnt nicht erst in der Krise. Sie wächst in den kleinen, stillen Momenten des Alltags. Und der Abend ist einer davon.
Was Sie heute Abend ausprobieren können
Ein kleiner Einstieg, der wirklich funktioniert:
- Legen Sie sich kurz neben Ihr Kind.
- Fragen Sie: Was hat dich heute gestresst – und was war schön?
- Atmen Sie gemeinsam dreimal tief durch.
- Sagen Sie dasselbe wie jeden Abend – ein Satz, der immer gleich bleibt. Auch ein Gute Nacht Gebet, oder ein schöner Spruch können helfen.
Das klingt einfach. Und das ist es auch. Aber manchmal ist einfach genau das, was ein überfülltes Kindernervensystem braucht.
Und wenn das allein nicht reicht?
Manchmal steckt hinter dem schlechten Einschlafen mehr: anhaltende Sorgen, Trennungsangst, ein belastetes Schulumfeld oder ein Nervensystem, das schon lange unter Dauerstress steht. Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
In meiner Praxis in Öhningen begleite ich Kinder, Jugendliche und Familien dabei, neue Wege zu finden – in Ruhe, ohne Druck, mit viel Raum für das, was wirklich dahintersteckt.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind Unterstützung braucht, bin ich gerne für Sie da.
→ Zur Beratung & Begleitung: www.katharina-dietrich.info
