Keine Geschichte kommt aus einem Bilderbuch
Warum ich meine Geschichten selbst schreibe – für die Kinder und für die Orte, an denen sie erzählt werden
Wenn ich mit Kindern in den Wald gehe, habe ich nie ein fertiges Bilderbuch im Rucksack. Nicht, weil ich Bilderbücher nicht mag. Ganz im Gegenteil: Geschichten begleiten mich schon mein ganzes Leben.
Aber im Wald möchte ich etwas anderes erzählen.
Ich möchte, dass eine Geschichte zu den Kindern passt, die vor mir sitzen. Zu dem Ort, an dem wir gerade sind. Zu dem Wasser, das neben uns plätschert, zu den alten Bäumen über unseren Köpfen oder zu den Steinen, die die Kinder auf dem Weg gefunden haben.
Deshalb schreibe ich die Geschichten für meine Waldgruppen selbst.
Der Ort gehört zur Geschichte
Eli Wasserschnecke lebt dort, wo die Kinder selbst am Wasser unterwegs sind. Emil Eichhörnchen begleitet die Kleinsten bei ihren ersten Entdeckungen im Wald. Wichtel Winzigklein lädt dazu ein, zwischen Wurzeln, Moos und kleinen Ästen genauer hinzusehen. Und im Land der tausend Steine wird die Landschaft selbst zu einem Teil des Abenteuers.
Die Orte sind dabei nicht einfach nur eine schöne Kulisse.
Wenn wir eine Geschichte draußen hören, mischt sich der echte Wald ein. Ein Vogel ruft dazwischen. Blätter bewegen sich. Ein Ast knackt. Vielleicht krabbelt gerade eine Ameise über den Vorleseplatz oder ein Kind entdeckt etwas, das unbedingt sofort gezeigt werden muss.
Das stört die Geschichte nicht. Es gehört dazu.
Die Kinder dürfen mich unterbrechen, Fragen stellen und ihre eigenen Gedanken einbringen. Manchmal führt uns ein kleiner Fund für einen Moment ganz woanders hin. Danach kehren wir zur Geschichte zurück – oder sie bekommt an diesem Tag eine etwas andere Bedeutung als geplant.
Genau das mag ich am Erzählen in der Natur.
Geschichten, in denen Kinder sich wiederfinden dürfen
Meine Geschichten haben meistens einen Hintergrund. Sie handeln von Mut, Freundschaft, Gefühlen, Unsicherheit, innerer Stärke oder davon, den eigenen Weg zu finden.
Dabei möchte ich Kindern nicht erklären, wie sie sein sollen.
Ein zurückhaltendes Kind muss in meinen Geschichten nicht plötzlich laut und furchtlos werden. Ein lebhaftes Kind muss nicht lernen, stiller und angepasster zu sein. Und ein ängstliches Kind braucht keinen Helden, der ihm zeigt, dass seine Angst falsch ist.
Kinder dürfen sich in einer Geschichte wiederfinden, ohne verbessert zu werden.
Vielleicht begegnet ihnen eine Figur, die ebenfalls noch nicht weiß, ob sie sich etwas zutraut. Vielleicht findet diese Figur einen ersten kleinen Schritt. Vielleicht braucht sie Unterstützung. Oder sie entdeckt eine Stärke, die vorher niemand gesehen hat.
Manchmal nimmt ein Kind daraus etwas für sich mit. Manchmal hört es einfach nur gerne zu. Beides ist vollkommen in Ordnung.
Jedes Kind hört eine andere Geschichte
Auch wenn alle Kinder denselben Worten zuhören, erlebt jedes von ihnen die Geschichte ein wenig anders.
Ein Kind erinnert sich später an die mutige Stelle. Ein anderes an etwas Lustiges. Ein drittes beschäftigt sich lange mit einer Figur, die nur kurz vorkam. Und manchmal sagt ein Kind Wochen später einen Satz, bei dem ich merke: Da ist etwas geblieben.
Ich plane deshalb keine fertige Botschaft, die am Ende alle verstanden haben müssen.
Ich möchte Möglichkeiten anbieten. Ein Kind kann etwas in der Geschichte entdecken – muss es aber nicht. Es darf lachen, mitfiebern, abschweifen, nachfragen oder einfach in Ruhe zuhören.
Gerade diese Freiheit macht Geschichten für mich wertvoll.
Kleine Sätze, die bleiben
In manchen Geschichten gibt es einen kurzen Merksatz, der die Figuren begleitet. Einer davon lautet: „Mit Mut wird’s gut.“
Solche Sätze funktionieren besonders gut, weil Kinder sie schnell verstehen, leicht mitsprechen und später selbst wiederholen können. Durch den Rhythmus und die Wiederholung bleiben sie oft besser im Gedächtnis als eine lange Erklärung.
Der Merksatz gehört zur Geschichte und zu einer Figur, mit der das Kind mitgefiebert hat. Dadurch ist er mit einem Erlebnis und einem Gefühl verbunden. Wenn ein Kind später selbst vor etwas Neuem steht, kann der vertraute Satz wieder auftauchen und an den Mut der Geschichte erinnern.
„Mit Mut wird’s gut“ bedeutet nicht, dass ein Kind keine Angst haben darf oder etwas sofort schaffen muss. Mut kann auch heißen, erst einmal zuzuschauen, um Hilfe zu bitten oder nur einen winzigen Schritt zu wagen.
Nach dem Zuhören geht die Geschichte weiter
Zu vielen Geschichten gehört ein Kreativangebot. Die Kinder bauen, gestalten, sammeln, erfinden oder probieren etwas aus, das zur erzählten Welt passt.
Dabei entstehen keine identischen Ergebnisse.
Wenn wir Wichtelhäuser bauen, sieht keines aus wie das andere. Manche bekommen ein großes Dach, andere eine winzige Tür oder einen Garten aus Moos. Ein Kind arbeitet lange an einem kleinen Detail, während ein anderes schon die nächste Idee ausprobiert.
Die Geschichte öffnet eine Tür. Was dahinter entsteht, entscheiden die Kinder selbst.
Danach bleibt Zeit für Bewegung und freie Entdeckungen. Denn nicht alles muss angeleitet sein. Kinder brauchen auch Zeit, in der niemand vorgibt, was sie sehen, bauen oder spielen sollen.
Warum ich weiterhin selbst schreiben werde
Eigene Geschichten zu entwickeln braucht Zeit. Ich suche nach Figuren, probiere Handlungen aus, verändere einzelne Stellen und überlege, welcher Ort zu welcher Geschichte passt.
Und trotzdem möchte ich es nicht anders machen.
Denn so kann ich meine Haltung in die Geschichten einfließen lassen: Kinder nicht vorschnell zu beurteilen. Nicht nur auf das zu schauen, was gerade schwierig ist. Und hinter einem Verhalten auch ein Bedürfnis, eine Unsicherheit oder eine noch verborgene Stärke zu entdecken.
Nicht Kinder müssen sich verändern. Es reicht oft schon, wenn Erwachsene lernen, sie mit anderen Augen zu sehen.
Diese andere Sicht möchte ich nicht als fertige Lektion vermitteln. Sie steckt in den Figuren, in ihren Erlebnissen und in der Art, wie sie begleitet werden.
Neue Geschichten im Herbst
Auch im Herbst werden Eli Wasserschnecke, Emil Eichhörnchen, Wichtel Winzigklein, Eule Ach so klug, Pieksi und die Figuren aus dem Land der tausend Steine wieder unterwegs sein.
Jede Gruppe hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Naturort und ihre eigene kleine Welt. Die Gruppen bleiben bewusst klein, damit Zeit für jedes Kind, seine Fragen und seine Entdeckungen bleibt.
Die aktuellen Termine und alle Informationen zu den Herbstgruppen finden Sie auf meiner Website. Anmeldungen sind gerne per WhatsApp möglich.
Alle Geschichten stammen aus eigener Feder und wurden für die Naturorte entwickelt, an denen sie erzählt werden.
Keine Geschichte kommt aus einem Bilderbuch – jede wurde für die Kinder und den jeweiligen Ort selbst geschrieben.
